Grubenhobel - Feuerhof Stadtteil von Sulzbach-Rosenberg

Feuerhof
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Grubenhobel

Grubenhobel
von Helmut Heinl

Wer neu in das Leben unter Tage aufgenommen wurde, musste sich in jedem Fall erst einmal einer eingehenden sozialen Kontrolle unterziehen. Das ging bei den einfachen Leuten im Bergbau natürlich nicht wissenschaftlich sondern sehr realistisch, mit oft erprobten Aktionen.
Die Kumpel waren sich bestimmt nicht einmal selbst über den tieferen Sinn oder die psychologischen Hintergründe ihres Handelns bewusst. Trotzdem wurde jeder Neuling einem unfreiwilligen Test unterzogen, sobald er die Arbeit unter Tage aufgenommen hatte. Zuerst versuchte natürlich jeder aus der Gruppe, zu der der Neue eingeteilt war, von den anderen Bergleuten etwas über ihn zu erfahren. Z. B. wo er herkam, was er vorher getan hatte; war er verheiratet, hatte er Kinder, oder betrieb er eine kleine Landwirtschaft.

War er vorher schon einmal aufgefallen, vielleicht beim Raufen auf der Kirchweih, bei seinem vorherigen Arbeitgeber? Neuigkeiten dieser Art wurden bereits vor Arbeitsantritt begierig gesammelt, sobald bekannt war, dass ein Neuer in die Gruppe kommen sollte.

Die Informationsbörse war, wie üblich, die Waschkaue oder das Füllort, beim Warten auf die Auffahrt und häufig das Wirtshaus. Die Beobachtungen wurden dann während der Brotzeit oder während kurzer Arbeitspausen eingehend diskutiert. Oft zeichnete sich bereits dort ab, wie man den Neuling auf die Probe stellen oder sonst zu tratzen (ärgern) gedachte. War es ein etwas ängstlicher Typ, würde man wohl versuchen, ihn zu erschrecken. War er als etwas einfältig geschildert worden, dachte man sich irgendeine blödsinnige Verpflichtung für ihn aus. Konnte man nichts über ihn in Erfahrung bringen, oder wurde er als einer geschildert, dem nicht so leicht beizukommen sei, blieb nichts übrig, als auf eine günstige Gelegenheit zu warten.

Der psychologische Hintergrund des Ganzen war die Suche danach, wie man den Neuen, der ja in die enge Kameradschaft unter Tage aufgenommen werden musste, einzuordnen hatte. Schüchterne, furchtsame oder einfältige Typen konnten problemlos in die hinteren Reihen der Hackordnung eingruppiert werden. Zeigte sich der Neuling aber clever oder intelligent konnte sich eine neue Ordnung in der Gruppe ergeben. War er ein "Hitzerblitzer ", also aufbrausend, jähzornig oder gar gewalttätig, mussten die Spielregeln mit ihm erst ausprobiert werden.

„Auf der Gruppe" gab es zwar schon eine ungeschriebene Ordnung, bei der der Ortsälteste das Sagen hatte, z.B. beim Aushandeln des Gedinges oder das bergmännische Vorgehen beim Abbau. Daneben existierte aber auch eine inoffizielle Ordnung. Sie entschied, wessen Wort bei Meinungsverschiedenheiten Gewicht hatte, wer das letzte Wort bekam, oder wer sich einen Scherz erlauben konnte, ohne " Folgen " befürchten zu müssen. Diese inoffizielle Ordnung konnte durch einen Neuen geändert werden.

Nun soll allerdings dieser Aspekt nicht überbewertet werden. Die Leute wollten auch ihren, mitunter recht derben Spaß haben. Das ließ sich bei unerfahrenen Neulingen sehr viel leichter bewerkstelligen als bei den erfahrenen Bergleuten, bei denen schon eine besondere Gelegenheit ausgenutzt werden musste, um sie noch dranzukriegen. Hinzu kommt, dass meistens junge Leute eingestellt wurden, die nicht älter als 18 oder 19 Jahre alt waren. Mit ihnen ließ sich am leichtesten umspringen. Deshalb sind auch die meisten Geschichten, die ich erfahren konnte mit jungen Leuten passiert.

Zu den Standartprüfungen gehörte der Grubenhobel. Er sollte angeblich zum Abhobeln der Sohle (Boden der Strecke) dienen, damit sie eben verlief. Denn oft war sie durch den Gebirgsdruck angehoben.
Der Hausner Adolf, der mit 19 Jahren auf dem Klenzeschacht zum ersten Mal anfuhr, musste damit seine Erfahrung machen. Nach der ersten Einweisung musste er sich erst einmal unter Tage eingewöhnen. Das ist gar nicht so einfach, denn für einen Ortsunkundigen ist das Grubengebäude - so heißt das ganze Bergwerk unter Tage - ein undurchschaubares Labyrinth - und ein stockfinsteres dazu.

Als der Adolf dann soweit war, dass man ihn wenigstens in der näheren Umgebung nach etwas schicken konnte, kam seine große Stunde. Der Hauer schickte ihn an einen anderen Abbauort zu einem bestimmten Mann, mit dem Auftrag, den Grubenhobel zu holen. Das war ein großes Stück Schiene mit einer großen Eisenplatte daran. Dass das Ganze nicht leicht war, kann man sich vorstellen. Als ihn die Leute beim Hinaufheben spöttisch fragten: "Na Bouwerl, schaffst du denn des iwahapt ?“ mochte der Adolf natürlich nicht sagen, dass es ihm fast das Kreuz abdrückte. Und er schleppte das Trum zu seinen Leuten. Die lobten ihn, weil er so schnell gewesen sei, und ließen ihn noch ein wenig mit dem Gewicht auf dem Rücken stehen.
Als dem Adolf schon die Knie zitterten, nahmen ihm endlich zwei Mann den „Kompass“ ab und hantierten damit umständlich auf dem Boden der Strecke herum. Der Ortsälteste gab fachmännische Weisungen. Das Geschäft war schnell erledigt und Adolf musste das „Gerät“ wieder zurückschleppen, nicht ohne die Mahnung, er solle vorsichtig sein, damit das teure Zeug nicht beschädigt werde. Als er schweißgebadet zurückkam, fragten ihn die anderen "Na, habts`es schou? Is owa schnell ganga heint. Dau wearts halt moang nu amal messn mein".

Und richtig in der nächsten Schicht wiederholte sich das Spiel, nur dass diesmal beim „Messen“ eine ganze Menge Leute von den anderen Gruppen zusahen. Aber keiner sagte etwas zum Adolf, auch nicht, als er den „Hobel“ wieder zurückgeschleppt hatte. Erst beim Waschen in der Kaue, als alle beisammen standen, fragte in einer: "Na, hout´s heind wieda g´meßn ?“. Das brüllende Gelächter der Herumstehenden klärte den Neuling dann endlich auf, was es mit dem Grubenhobel auf sich hatte.

Der Junge wurde noch ein zweites Mal genarrt. Eines Tages hieß es schon beim Schichtbeginn, irgendwo etwas müsse mit dem Ort nicht stimmen, es sei so, als ob man die Richtung nicht mehr genau habe. Wenn der Steiger komme, gebe es Ärger. Das Beste sei, wenn der Ortsälteste einmal den Grubenkompass holen lasse und die Sache selbst nachmesse. Nach längerem Nachsinnen, wo der Kompass heute sei, kamen die Leute überein, dass ihn der Schwalberer am anderen Ende der Strecke haben müsse. Der Adolf solle gehen, nach dem Schwalberer fragen und sich die Kiste mit dem Kompass geben lassen. Beim Zurücktragen solle er ja vorsichtig sein, der Kompass sei ein sehr empfindliches Instrument. Wenn es beschädigt werde, bekomme der Adolf Schwierigkeiten mit dem Markscheider (Das ist der Vermessungsingenieur im Bergbau und eine Respektsperson).

Als sich der Adolf bis zum "Herrn Schwalberer" durchgefragt hatte, hätte ihm eigentlich schon das Schmunzeln der Befragten auffallen müssen. Aber dafür war er mit seinem Auftrag zu beschäftigt. Der Gesuchte bedeutete ihm erst einmal recht barsch, er solle ihn gefälligst bei seinem richtigen Namen F. nennen und außerdem brauche er den Kompass jetzt selber, er solle nach der Brotzeit noch einmal kommen. Hätte der Adolf bisher noch Zweifel gehabt, so waren sie jetzt bestimmt verflogen. Es war wohl ein recht wichtiges Instrument.
Nach der Brotzeit marschierte unser Jungbergmann wieder die ganze Strecke bis zum "Schwalberer ". Weil er ihn diesmal mit seinem Familiennamen und auch gleich noch mit „Herr“ anredete, war dieser viel freundlicher und band ihm eine elend schwere Kiste - die aussah wie eine Sprengstoffkiste - auf den Rücken. Der pflichtbewusste Adolf schleppte das ganze Gewicht, ohne abzusetzen zurück, obwohl er dachte, es bricht ihm das Kreuz ab.
An sein Ort zurückgekommen wunderten sich die Kumpel, warum der Adolf so fertig sei. Sie hätten dieses "Kistl“ schon so und so oft getragen und sie sei ihnen nie schwer vorgekommen; er sei halt doch ein "Schmelferlpelzer“ (Schwächling). Womöglich habe er das Gerät auch noch fallen lassen. Sie nahmen ihm die Kiste ab, stellten sie vorsichtig auf den Boden und nahmen die Bretter des Deckels ab. "Ja, wos bringst aitz du dahea? " fragten sie ihn mit lautstarker Entrüstung.
Und dann zeigten sie ihm die Kiste, die randvoll mit Erzbrocken gefüllt war. Zuerst war der Adolf furchtbar erschrocken, dann jedoch dämmerte ihm sehr schnell - er war ihnen zum zweiten Mal auf den Leim gegangen. Da sich die Sache in Windeseile auf den benachbarten Örtern herumgesprochen hatte, war es kein Wunder, wenn ihn beim Auffahren alle Augenblicke ein anderer fragte, wie schwer ein Grubenkompass sein.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen ist der Genannte ein guter und beliebter Bergmann geworden, der bis zur Schließung der Sulzbacher Gruben unter Tage geblieben ist. Er war es auch, der mir diese Geschichte selbst erzählt und dabei noch herzlich gelacht hat.

© Helmut Heinl

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