Kriegsende - Feuerhof Stadtteil von Sulzbach-Rosenberg

Feuerhof
2020
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Kriegsende

Erinnerungen an das Kriegsende in der Siedlung, vor 75 Jahren

Bereits Ende 1944 war für jeden vernünftigen Menschen erkennbar, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. In nahezu allen Häusern der Siedlung waren Soldaten der Wehrmacht einquartiert. Die Front war zuhause angelangt. Die Bergleute der Sulzbacher Gruben wurden immer häufiger zur Beseitigung der Bombenschäden nach Nürnberg abkommandiert. Die meist 25 Mann der Gruppe, unter  Leitung des Steigers Ludwig Ritter,  waren als Experten gefragt, weil sie zusammengestürzte Gebäude sichern und stabilisieren konnten und den Bergungstrupps das Arbeiten ermöglichten. Dabei sahen sie nicht nur, dass die einstige Reichshauptstadt total vernichtet war, sondern auch unvorstellbares menschliches Leid, wenn sie die Leichen aus den zerbombten Kellern bergen mussten.
Für die zuhause Gebliebenen war dieses Inferno weit weg. Sie konnten bei Luftangriffen in Nürnberg, vom damals kahlen Etzmannsberg aus, die „Christbäume“ der Bomber und den Feuerschein aus der Stadt sehen. Noch in der Nacht wurde verständigt, wer am Morgen nach Nürnberg abkommandiert wurde. In der Grube blieb nur noch die Notbesatzung, der Pförtner, der Maschinist, der Pumpenwärter und die Kriegsgefangen.

Schutz im Bunker
Für die Bewohner der Siedlung gab es, 300 m von der Grube Caroline entfernt, im „Heinl-Hölzl“ einen Bunker. Den suchten die Feuerhofer bei den immer zahlreicher werdenden Luftangriffen auf. Der „Splittergraben“, wie er offiziell hieß, bestand aus einem  massiven Gewölbe aus Schlackensteinen, das man in den sandigen Boden gegraben hatte. Dieser Aufbau schützte vor Granatenbeschuss. Schwerer Artillerie oder einem Bombentreffer hätte er nicht standgehalten. Ein Teil vom Bunker steht noch heute. Viele Siedler hatten ihre Keller mit starken Balken gegen Einsturz abgesichert; das war ja für Bergleute kein Problem. Beim Einmarsch feindlicher Truppen wollten sie in ihren Häusern bleiben, um Plünderungen zu verhindern.
Die wehrfähigen Männer der Siedlung waren zum großen Teil an der Front eingesetzt. Die älteren Bergleute arbeiteten, zusammen mit den Kriegsgefangen, noch in der Grube, denn Eisen war kriegswichtig. Die Siedlerfrauen waren froh, dass ihre Männer nicht an die Front geholt wurden. Die Versorgungslage war trotz der von den Siedlern eingebrachten Ernte nur leidlich gesichert, Essen war knapp.

Bergwerksbetrieb eingeschränkt
Der Bergwerksbetrieb lief zwar weiter, aber die Fördermenge am Klenzeschacht ging gegen Ende des Krieges laufend zurück. Zunächst wegen der Einberufung der Bergleute, dann aber infolge Koksmangels bei der Maxhütte. Die Kokszüge konnten wegen der mehr und mehr zerstörten Eisenbahnanlagen nicht mehr durchkommen. Das von der Hütte nicht mehr abgenommene Erz wurde auf Halde gekippt, sodass bei Kriegsende dort 40 000 Tonnen lagerten.

Gefördert wurde auf Grube Caroline. Auf der Grube "Fromm" (nordöstlich von Großenfalz) fuhr bis zum 14. April 1945 etwa ein Drittel der verbliebenen Belegschaft ein. Hier konnte im Notfall noch gefördert werden. Untertage waren die Gruben durch eine Hauptstrecke verbunden, auf der Erz und Material transportiert wurde. Das Erz aus beiden Gruben wurde dann auf der Seilbahn zur Hütte befördert. Am 14.April 1945 wurde die Förderung in allen Gruben gänzlich eingestellt.

SS-Aktion mit Feuerhofer Bergleuten
Noch Mitte Februar 1945 mussten 40 Bergleute aus unseren Gruben zur "SS-Fortifikations-Forschungsstelle" nach Pottenstein einrücken. Dort hatten sie aus Berlin kommende, schwere Kisten in die Teufelshöhle zu schaffen, in den Nischen und Ausbuchtungen der Höhle unterzubringen und durch geeignete Sprengungen unter Gestein zu verstecken. Später kamen diese Leute noch zur Kampftruppe, und die Front führte sie nach Sulzbach. Ein Mitglied dieser Truppe, war der Bergmann P. vom Feuerhof.

Wann kommt der Angriff?
Die aktuelle Angriffslinie war den Sulzbacher Nazigrößen vermutlich nicht bekannt. Denn bereits am 17. April 1945 schickte Ratsherr Otto Müller die Bevölkerung zur Sicherheit  in die umliegenden Wälder. Dort verbrachten sie, aus Angst vor einem amerikanischen Angriff, frierend die Nacht, aber die Amis kamen nicht.

Am Samstag, den 21.o4.1945, waren die Amerikaner schon bis auf das damals noch unbebaute Lerchenfeld vorgedrungen und hatten sich dort eingegraben. Geschützstellungen waren am Sternstein und zwischen Prangershof und Kummerthal. Die Deutschen lagen in Erdlöchern im Gebiet der heutigen Steiger- und Sauerzapfstraße. Auf der Rennerwiese, jetzt Schlepperweg, war ein MG-Stand eingegraben. Die Panzersperren, u.a.  an der Reichsstraße beim Gasthof "Bartl" waren für die Amerikaner kein Hindernis. Im Bergwerksgelände waren keine Verteidiger.

Der Kreisleiter, Dr. Kolb, in Amberg verkündete, dass er den Befehl Heinrich Himmlers, die Stadt bis zum letzten Mann zu verteidigen, genauestens ausführen wolle und befahl ebenfalls, dem Feind nichts zurückzulassen. Die Bevölkerung war in Angst, denn es war nicht klar, ob die Verantwortlichen im Sulzbacher Rathaus die Stadt freiwillig übergeben oder verteidigen wollten.

Das Ende naht
Das wichtigste Ereignis an diesem Samstag war die Sprengung der Eisenbahnbrücke beim Kreuzerwirt durch eine Pioniereinheit. Mit dem Ergebnis, dass die Häuser bis zur Allee hinauf abgedeckt wurde.

Am Sonntag, den 22.04.1945, schoss die Artillerie einige Dutzend Granaten in die Stadt und darüber hinweg in Richtung Amberg. Außerdem wurde auch eine deutsche Geschützstellung beim Feuerhof  mit Artillerie beschossen. Die Granaten schlugen glücklicherweise auf die Wiese knapp unterhalb der Siedlung ein. So wurden nur der Kamin beim Seidl und einige Dachziegel beschädigt. Die Angreifer trafen  auf keinen ernsthaften Widerstand der Deutschen, doch ist ein deutscher Soldat am Hang nördlich des Judenfriedhofs gefallen.  Die  einquartierten Soldaten hatten sich beim Herannahen der Amerikaner nach Osten und ins Peutental zurückgezogen, angeblich, um sich neu zu sammeln. Möglicherweise wichen sie aber auch der massiven Übermacht der amerikanischen Kampfverbände aus. Nach einigen Stunden Beschuss  siegte die Vernunft und die Stadt wurde offiziell übergeben. Um  etwa ½ 3  Uhr nachmittags rückten  erste US-amerikanische Fahrzeuge in die Stadt ein. Am Abend waren Stadt und Siedlung von Truppen der 71. US- Infanterie besetzt. Die Amerikaner durchkämmten jedes Haus. Die Bewohner mussten auf der Straße warten, während die Soldaten alle Räume und Schränke nach Waffen durchsuchten.                                                       

Riskante Schutzsuche
Am allerletzten Kriegstag wurde die Grube, entgegen den sonstigen Gepflogenheiten, als Luftschutzraum verwendet. Betriebsleiter, Obering. Norbert Hamacher ließ – aus bis heute nicht nachvollziehbaren Gründen  – ca. 100 Menschen aus der Stadt in die Grube einfahren, um sie vor dem Beschuss durch die Amerikaner zu schützen. Es waren Personen, wie Obersteiger Ritter ironisch anmerkte, die vielleicht besonders Angst hatten. Hintergrund für die Öffnung der Grube war vermutlich die missglückte Evakuierungsaktion, in die Wälder, von Stadtrat Müller am 17. April 1945. Das Bergwerk bot Schutz und war warm und trocken.

Bei der von Hamacher genehmigten Unterbringung stellte sich dann jedoch schnell heraus, dass die Nutzung eines Bergwerks als Luftschutzraum durchaus gefährlich sein konnte. Bei dem Beschuss am  22. April 1945 trafen die Amis auch die von der Maxhütte zur Grube führende Stromleitung, am Annaberg. Das Notstromaggregat, das bei Stromausfall einen Notbetrieb aufrechterhalten sollte, sprang nicht an.

Damit funktionierte nichts mehr, kein Licht, keine Bewetterung, keine Fördermaschine mit den beiden Förderkörben. Was aber noch schlimmer war, auch die Pumpen unten im Schacht,  das Herz eines jeden Bergwerks, hatten keinen Strom mehr. Bei einem Wasserzulauf von ca. 5 cbm pro Minute waren das ca.7.200 cbm pro Tag. Durch diese Wassermenge, die vor allem aus Richtung Etzmannshof kam, bestand die Gefahr, dass die Grube sehr schnell abgesoffen wäre.

Als letzte Maßnahme schlossen die Bergleute die Dammtüren vor dem Schacht, so dass kein Wasser mehr zufließen konnte. Diese einen halben Meter dicken Stahltore, die dicht schlossen, waren schon vor Jahren eingebaut worden. Denn mit einem plötzlich sehr starken Wasserzulauf rechnete man in unseren Gruben immer. Dann verteilte sich das Wasser im Grubengebäude und flutete zunächst die Hauptstrecke nach Fromm.  
Da in den letzten Kriegstagen außerdem immer damit zu rechnen war, dass der Strom ausfiel, hatten die Mannschaften die beiden Dammtüren nördlich und südlich des Klenzeschachtes nochmal geprüft und leicht gangbar gemacht Sie konnten im Ernstfall von zwei Mann sofort geschlossen werden.

Weil die Fördermaschine nicht funktionierte war die Situation trotzdem sehr gefährlich. Die rüstigen Personen konnten die 125 m über die vorhandenen Fahrten im Schacht nach oben steigen. Es waren aber auch Menschen, z. Teil mit über 80 Jahren, unter den Schutzsuchenden, die schafften das nicht. Sie konnten nur mit den Förderkörben evakuiert werden. Damit sich die beiden Förderkörbe doch noch bewegen ließen, wurden auf den Förderkorb über Tage Förderwagen mit Schlackensteinen geschoben. Der sank dann mit seinem Gewicht nach unten und zog gleichzeitig den anderen Förderkorb mit den Personen nach oben. Unten wurden die Wagen herausgeschoben, über Tage wurden neue Wagen beladen und der Vorgang wiederholte sich. Das ging sehr langsam und musste so oft wiederholt werden, bis alle heraufgeholt waren. Die Bergung dauerte viele Stunden. Aber glücklicherweise war der Krieg in Sulzbach-Rosenberg zu Ende. Am Sonntagabend war die Stadt  von den US-Truppen besetzt. Es wurde nicht mehr geschossen.

Betriebsleiter Hamacher versuchte am Montag Kontakt zum Standortkommandanten der Amerikaner aufzunehmen, was ihm erst nach einigem Herumfragen gelang. Das Militär hatte zwar schon das Rathaus übernommen, aber der Umgang mit der Zivilbevölkerung funktionierte noch nicht richtig. Der Betriebsleiter konnte dem zuständigen Offizier, der sehr gut Deutsch sprach, klarmachen, welche Folgen das Absaufen der Grube hätte. Allerdings musste der Amerikaner erst die umliegenden Truppenteile davon informieren, dass zum Reparieren der Leitung Leute auf die Masten steigen würden und dies von der Standortleitung genehmigt war. Sonst hätte die Gefahr gedroht, dass die Männer der  Reparaturkolonne als Saboteure beschossen worden wären. Die Tätigkeit war also nicht ganz ungefährlich.

Am Dienstag durften dann, die Elektriker der Maxhütte auf den Annaberg hinauf und dort die zerschossene Stromleitung flicken. Die beiden Männer aus dem elektrischen Betrieb  hatten bei ihrer Arbeit große Angst, zur Zielscheibe zu werden. Denn in den Wochen vorher hatten amerikanische Tiefflieger bei ihren Einsätzen immer wieder auf alles geschossen, was nur im Entferntesten nach Militär ausgesehen hatte. Aber die Männer konnten ungestört arbeiten und nach wenigen Stunden gab es im Bergwerk wieder Strom.

Es konnte allerdings nur mit reduzierter Leistung gepumpt werden, weil auch im Kraftwerk der Maxhütte nicht alle Stromgeneratoren in Betrieb waren. Der Elektrobetrieb konnte gerade so viel Energie liefern, dass die Pumpen einwandfrei arbeiteten und die Grube vor dem Absaufen verschont blieb. Das Abpumpen des angestauten Wassers im Grubengebäude und die Reparaturen, mit einer reduzierten Mannschaft, dauerten viele Wochen.

Siedler erschossen
Der Feuerhofer Bergmann der bei der Aktion in Pottenstein verpflichtet war, hatte sich vermutlich von seiner Einheit abgesetzt und in seinem Haus versteckt.  Als die Amerikaner die Siedlung durchkämmten entdeckten sie ihn im Keller seines Hauses. Unter der Arbeitskleidung trug er noch die SS-Uniform. Vermutlich hatte er auch noch seine Waffen versteckt. Das kostete ihn das Leben. Er wurde auf die Rennerwiese geführt und auf Höhe des heutigen Schlepperweges erschossen. Seine Frau musste ihn alleine, mit dem Handwagen, von dort unten in ihr Haus zurückbringen. Von den eingeschüchterten Nachbarn traute sich niemand zu helfen.

Während des Stillstandes der Förderung, nach dem Einmarsch der Amerikaner,  wurden 6O Bergleute mit Sicherungsarbeiten beschäftigt, sodass die Grube laufend in einem förderfähigen Zustand blieb.  Andere arbeiteten beim Wiederaufbau der Kreuzerwirtsbrücke, einige halfen in der Malzfabrik, um aus Gerste Malzkaffee zu machen. Der größte Teil arbeitete in den Braunkohlengruben bei Schwandorf und Schmidgaden. Nach einem Jahr, Mitte April 1946, nahm das Bergwerk wieder seinen normalen Betrieb auf.

(Quellen: Obersteiger Ludwig Ritter, Manfred Hausner, Hans Zangl, Johann Stöcklmeier u.a.)

© Helmut Heinl, 4/2020
Bilder: Helmut Heinl

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