Die Leiche im Förderkorb - Feuerhof

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Die Leiche im Förderkorb

Die Leiche im Förderkorb

Die früheren Gruben bei Großenfalz und Etzmannshof, Fromm, Delphin, Karlschacht - und wie sie alle hießen, waren dafür bekannt, dass sie „sehr nass waren“ und mehrfach absoffen. Schwimmsandeinbrüche waren in unserer Region schon immer eine große Gefahrenquelle, aber unter den beiden Ortschaften war das Gebirge besonders tückisch. Deshalb fürchtete man das Wasser besonders.

Die verheerende Wirkung eines solchen Ereignisses lässt sich leicht erklären: Im Gebirge eingeschlossene Kavernen sind, wie eine Blase, mit Sand, Schlamm und Wasser gefüllt und stehen in mehr als 60, 70 Meter Tiefe unter hohem statischen Druck. Wird eine solche Blase von unten angestochen, schießt der Brei aus Sand und Wasser mit großer Gewalt und dickem Strahl in die Strecken. Das ist vergleichbar mit einem Plastikbeutel voll Wasser, in den ein Loch gestochen wird.
Von Glück können die Bergleute sprechen, wenn das Wasser nicht auf einmal durchbricht, sondern sich vorher durch einen verstärkten Zufluss ankündigt. Denn den kann der erfahrene Bergmann deuten und Vorkehrungen treffen. Kommt es zu einem starken Einbruch hilft, nur noch die sofortige Flucht. Denn wer in den Brei kommt, sitzt fest. Die Stiefel sind wie eingeklemmt und wer nicht schnell wegkommt oder bis zum Knie einsinkt, befindet sich in höchster Gefahr.

Die von einem starken Schwimmsandeinbruch überschwemmte Strecke muss sofort abgeschottet werden, wenn das noch möglich ist. Gelingt das nicht, könnten auch die Pumpen, die das in der Grube anfallende Wasser an die Oberfläche befördern, ausfallen.
Strömt das Sand - Wassergemisch in großen Mengen bis zum Schacht und in den Pumpensumpf wird es kritisch. Wird der Sand von der Pumpe angesaugt, versagt sie nach kurzer Zeit ihren Dienst – die Grube säuft unrettbar ab. Das bedeutet, dass nicht nur die Strecke voll läuft, sondern das Wasser im Förderschacht steigt. Um dieser Gefahr zu begegnen, wurden in späteren Jahrzehnten Dammtüren eingebaut, meterdicke Stahltüren, mit denen sich der unter hohem Druck stehende, überflutete Teil der Strecke absperren ließ. Ihre Funktion wurde regelmäßig überprüft.

Ein solches Ereignis soll einem Menschen das Leben gekostet haben. In der Grube Fromm, die 1892 abgeteuft wurde, soll wohl in den Anfangsjahren ein starker Schwimmsandeinbruch gewesen, bei denen sich ein Mann nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte. Er saß fest und wurde in wenigen Minuten von der schlammigen Flut zugeschwemmt. Nachdem auch die Grube abgesoffen war, konnte seine Leiche nicht schnell geborgen werden, wie das sonst üblich ist. Zunächst musste das Wasser aus dem Schacht abgepumpt und dann die Strecke Stück für Stück frei geräumt werden. Erst dann war es möglich, den Verunglückten zu bergen. Als man ihn endlich fand und freilegte, wurden Schlamm und Sand nur etwas mit Wasser abgeschwemmt und das Gesicht abgespült. Dann wurde die Leiche auf einer Bahre zum Schacht getragen. Dort stellte man fest, dass der Förderkorb zu kurz war, um den Leichnam liegend zu transportieren. Es blieb nur die Möglichkeit, den Mann auf der Bahre festzubinden und diese schräg in den Korb zu stellen.

Die Nachricht, dass der Verschütteten gefunden sei, hatte sich schnell herumgesprochen und ein paar Neugierige standen am Schacht. Man hörte die Glocke des Anschlägers. Die Dampfmaschine fauchte im Maschinenraum, das Förderseil summte über die Seilscheibe. Das bedeutete, der Korb kam nach oben.

Das Surren der Seilscheiben wird leiser. Schnell erscheint der Förderkorb aus der Tiefe. „Dong“, ertönt der Halt-Schlag. Der Anschläger öffnet das Schutzgitter. Tageslicht fällt in den Förderkorb - und man sieht den Toten mit verdreckten Kleidern, aber fast sauberem, deutlich erkennbarem Gesicht, nahezu aufrecht stehend.

Die Leute erschraken, ein paar knieten nieder und bekreuzigten sich, es war atemlos still. Nur der Rossknecht, kalkweiß im Gesicht, murmelte: „dea is wieda lewente woarn“ und zog seinen ebenfalls entsetzten Nachbarn vom Ort des Geschehens fort.

Endlich fassten sich ein paar beherzte Männer, gingen zum Förderkorb, legten die Bahre mit dem Leichnam auf den Boden und deckten ihn mit einem Tuch zu. Das war einer der Momente, in denen sich manche schworen, nie mehr ins Bergwerk einzufahren.

Diese, zugegeben etwas makabre Geschichte, stammt von meinem Urgroßvater Georg Heinl, der auf der Grube Etzmannsberg viele Jahre Steiger war. Er hat sie im Kreis der Familie, zu der weitere zwei Bergleute gehörten, erzählt. So wurde sie auch an meinen Vater weitergeben.



Hängebank der Grube Etzmannsberg mit den beiden Förderkörben (1903)
Beide Bergleute halten ihre brennenden „ Froschlampen“, der rechte trägt Schuhe mit dicken Holzsohlen.


© Helmut Heinl 10/2020

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