Der Säuganghartl - Feuerhof.de

2024/2025
Neuigkeiten und Wissenwertes rund um den Stadteil Feuerhof
Erinnerungen an den Bergbau in Sulzbach-Rosenberg
Sulzbach-Rosenberg/Feuerhof
Wo Kultur und Bergbau aufeinandertreffen
Direkt zum Seiteninhalt
Helmut Heinl Autorenseite
"Leben in der Bergmannssiedlung"
Der Säuganghartl

In den Sulzbacher Gruben war es so eingebürgert, dass Neulinge, die zum ersten Mal in der Grube anfuhren, von einem alten, erfahrenen Bergmann begleitet wurden. Ein Arbeitsbeginn wäre gar nicht anders möglich gewesen. Denn im Irrgarten der um 1920 noch stockdunklen Strecken hätte sich der Neuling bestimmt schon nach wenigen Metern verlaufen. Von der nur teilweise elektrisch beleuchteten Hauptförderstrecke zweigten viele Querschläge ab, in denen es stockfinster war. Elektrizität in der Grube war damals noch nicht überall vorhanden (1) und die Karbidlampen (2) der Bergleute waren zwar hell, aber reichten auch nicht weit. Wer einmal als Unerfahrener in einer unbeleuchteten Nebenstrecke stand und nichts hörte als das Tropfen des Wassers und vielleicht noch das Knacken des hölzernen Ausbaus, bekam sehr schnell ein recht beklemmendes Gefühl.

In den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts trat auch der junge Leonhard seine erste Bergfahrt „auf Klenze“ an. Der alte Dehling, genannt "Döllingdatscher“, (3) (hatte einen watschelnden Gang), ein erfahrener Bergmann, sollte ihn bis vor Ort begleiten. Als sie zu Fuß die Hauptförderstrecke entlang gingen, musste sich der junge Mann immer wundern, weil so viele „Gänge“, wie er sich ausdrückte, abzweigten. Die einen waren stockfinster, in anderen sah man hinten trübe Lichter.

Für einen alten Bergmann ist das Wort „Gänge“ natürlich tabu. Für ihn heißt es Strecke (4) oder Querschlag (5) und so möchte er es auch hören. Als der Hartl zum wiederholten Mal fragte, wohin denn dieser Gang führe, antwortete ihm der alte Dehling genervt: „Des is da Seigang". Worauf der Junge ganz naiv fragte, ob sie wohl Schweine in der Grube hätten. „Ja fraale“, antwortete darauf der „Döllingdatscher“, hier würde sogar geschlachtet. Dazu käme der „Sauschneinder“ (Brandmetzger) von Großenfalz. Klima und Temperatur seien ideal für die Schweinezucht.(6)  Das Futter werde täglich von oben herunter gebracht. Außerdem bekämen die Schweine die Reste von den Brotzeiten der Bergleute und das sei eine ganze Menge. Der Mist komme in den Garten des Obersteigers.(7) Als der nächste „Gang“ abzweigte, der völlig finster war, setzte der alte Fuchs noch eins drauf. Er erzählte lang und breit, dass dies der alte Säugang sei. Der sei aufgegeben worden, weil es im neuen viel trockener und wärmer sei. Der Hartl kam aus dem Staunen nicht heraus, das hatte er noch nie gehört – Schweineställe im Bergwerk!

Da der „Datscher“ sein Erlebnis gleich den Kameraden erzählte, kann sich wohl jeder denken, wie der junge Leonhard seinen Spitznamen bekam. Der blieb ihm bis zum Ausscheiden aus der Grube. Und auch heute noch huscht ein Lächeln über das Gesicht der alten Bergleute, wenn der Name Säuganghartl zur Sprache kommt. Denn die Alten wissen nicht nur all die Namen. Sie wissen auch noch, wie sie zustande gekommen sind.

© Helmut Heinl 1984
1  1913 wird die Dampfkraft in den Gruben durch elektrischen Strom abgelöst; im Werk Rosenberg wird dazu ein Kraftwerk in Betrieb genommen  (75 Jahre Maxhütte a.a.O.)
2 Von den alten Bergleuten wurden damals ohnehin noch Öllampen verwendet.
3 Näheres zu den Spitznamen der Sulzbacher  Bergleute: “ Der Eisengau“ Band 56, 2021; S
4 Strecke: ein horizontal oder nur mit geringer Neigung aufgefahrener Grubenhohlraum, der zum Abbau oder zur Verbindung verschiedener Bergwerksbereiche dient, aber nicht an die Tagesoberfläche führt. Die wichtigste ist die Hauptförderstrecke.
5 Querschlag: Verbindungsstrecke zwischen 2 Bergwerksabschnitten, ein Ausrichtungsbau zur Erschließung einer Lagerstätte.
6 Dazu muss man sich daran erinnern, in welch engen und finsteren Ställen die Hausschweine zu dieser Zeit gehalten wurden.
7 Der Obersteiger wohnte im stattlichen Verwaltungsgebäude, oberhalb des Schachtes, und hatte einen eigenen Garten, der von Bergleuten angelegt und instandgehalten wurde.
Zurück zum Seiteninhalt