Bergmannssiedlung mit Bergschaden - Feuerhof

Feuerhof
2022/2023
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Erinnerungen an den Bergbau in Sulzbach-Rosenberg
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Bergmannssiedlung mit Bergschaden

Als 1938 die Feuerhofsiedlung gebaut wurde, dachte noch niemand daran, dass die nordöstlich des Klenzeschachtes aufgefundenen Erzkörper zwei Jahrzehnte später, eine Gefahr für die Häuser werden könnte. Denn die Erzgrenze lag nur ca. 100  m von der obersten Hausreihe (Edelsfelder Straße) der vorderen Siedlung entfernt. Die ersten Erzfelder wurden 1940/41 abgebaut.
Erstmals Probleme machte der Erzabbau, so nahe an der Siedlung, in den Jahren 1943/44. So lange dauerte es wahrscheinlich, bis sich die Bruchlinien über den Etzmannsberg bis zur Edelsfelder Straße fortsetzten.

Darstellung aller Bergwerksanlagen in Sulzbach-Rosenberg; Ausschnitt Erzkörper westlich der Siedlung Feuerhof; die Jahreszahlen zeigen das Ende des jeweiligen Abbaus. Quelle: Original der Markscheiderei der Maxhütte in M: 1 : 5.000;
Die ersten Anzeichen, dass der Bergbau ganz in der Nähe umging, merkten die Anwohner spätestens 1940. Kurze Zeit vor dem Schichtwechsel hörte man in der ganzen Siedlung Feuerhof die Sprengungen unter Tage. Es war ein kurzes „Wummern.“ Das Geschirr im Schrank klirrte, der Boden vibrierte und manchmal auch die Fensterscheiben. Die Feuerhofer dachten sich nicht viel dabei. Das war nach einigen Wochen normal, Die Bergleute wussten ja, wo die Ursache lag. Wie nahe sie unter ihren Häusern arbeiteten, war nur sehr wenigen klar. Sie hatten keinen Einblick in Karten o.ä.    Die Steiger wussten oder sagten nichts.

        
Lage der Erzkörper unterhalb des Etzmannsberges Quelle: Karte der Markscheiderei der Maxhütte in M: 1 : 5.000, Ausschnitt grafisch bearbeitet.

Notizen
Vom 11.VIII bis 15.VIII 1944 waren     2 Maurer der Maxhütte (Bergbau) damit beschäftigt die Schäden am Hause zu reparieren die durch den Bergbau entstanden sind.                 Jos. Heinl
Im Oktober- November 1948 waren abermals die Handwerker der Maxhütte Maurer, Schlosser u. Schreiner anwesend zur Behebung der Schäden am Hause welche durch den Bergbau entstanden sind.          Jos. Heinl
(Archiv Heinl)

In den Nachkriegsjahren war der Bedarf an Eisen riesengroß. Es wurde herausgeholt, was technisch möglich war, auch wenn das Erz dicht bei der Siedlung lag. Für die Verantwortlichen im Bergwerk war absehbar, dass es Bergschäden geben würde.


Quelle: … auf den Spuren der Bergleute. Sulzbacher Bergbaupfad. 2. Aufl.
Herausgeber Kulturwerkstatt Sulzbach-Rosenberg


Die Geologie war durch viele Bohrungen bekannt . Unter dem Etzmannsberg liegen eine mächtige Schicht Opalinuston und eine dünnere Ornatenton. Beide haben die Eigenschaft, dass sie bei Feuchtigkeit elastisch werden. Bei stärker einfallenden Schichten kann, was auf ihnen liegt, ins Gleiten kommen.    
Die Kosten für die Schäden waren bei der Kalkulation für die Erzförderung bereits eingepreist . Vorsichtshalber ließ die Maxhütte an allen Häusern in der Edelsfelder Straße Höhenmarken, in Form von einzementierten Rundeisen, einbauen. Mit ihnen ließ sich schnell erkennen, wenn sich an den Häusern etwas bewegte.
Bergschäden gab es in unserer Region schon so lange, wie Erz abgebaut wurde. Bereits im mittelalterlichen Bergbau traten immer wieder Schäden auf den Feldern der Bauern auf, die entschädigt werden mussten und deswegen auch zu Streitigkeiten führten.
1942 musste der Gasthof Bartl von seinem Standort, auf der Kuppe am Weg nach Etzmannshof, an seinen heutigen Standort verlegt werden, denn das Gebäude war akut vom Einsturz bedroht. Dort wurde es in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts erneut durch Bergsenkungen beschädigt. Sogar über eine erneute Verlagerung war im Gespräch.
Ein bekanntes Beispiel für großflächige Bergsenkungen ist die B 14 (früher Reichsstraße), von der Agip Tankstelle bis zum Gasthaus Bartl. Dieses Teilstück musste bereits vor dem Zweiten Weltkrieg immer wieder aufgefüllt werden, weil es laufend absackte. Darüber gab es mit der Stadt Sulzbach-Rosenberg immer wieder Streit. Die Maxhütte wollte diese Straße großzügig verlegt haben. Im Jahr 1940 hatte sie, über das Oberbergamt, beim Regierungspräsidenten (Bezirksplanungsbehörde in Regensburg) beantragt, die Straße auf die Trasse „Kleinfalz, Großenfalz, Rummersricht, Grottenhof, Dürnsricht“ zu verlegen. Dem widersprach der damalige Bürgermeister Hüfner ganz vehement und schlug stattdessen vor die Trasse über den Annaberg, durch die Fatzen nach Hahnbach zu führen.  
Wahrscheinlich hat das Kriegsgeschehen weitere Schritte verhindert. Die Straße blieb, wo sie heute noch ist. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden die Flächen links und rechts der Straße als Schuttplatz benützt und mit Tausenden Lkw-Ladungen aufgeschüttet. Auch die Straße musste immer wieder aufgefüllt und repariert werden, um die Senkungen auszugleichen . Der Abwasserkanal von der Siedlung Feuerhof wurde oberirdisch auf Stelzen verlegt.
Ursache für die Senkungen ist das in den Sulzbacher Gruben angewendete Abbauverfahren, der sogenannte Scheibenbruchbau. Da die Erzkörper bis zu 200 m breit und 60 Meter hoch waren, musste die Lagerstätte scheibenweise, in Abständen von ca. 2,50 m von oben nach unten abgebaut werden. Der entstandene Hohlraum wurde aus Kostengründen nicht verfüllt, sondern stürzte ein. Was noch brauchbar war, Holzstempel, Eisenschienen etc. wurden vorher „geraubt“. An der Oberfläche entstanden ausgedehnte Bruchfelder. Nachdem die Grundstücke in aller Regel ohnehin der Maxhütte gehörten, spielte es keine Rolle, wenn aus Wald oder Weideflächen ein zerklüftetes Gelände entstand. Das gilt für den gesamten Streifen vom Großenfalzer Berg (Dürrer Berg) bis zum Annaberg. Heute ist der Bereich zu einem großen Teil als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen.
Anders war es, wenn es sich um fremdes Eigentum handelte oder sogar noch Gebäude auf dem Grundstück standen. Hier war die Maxhütte nach dem Berggesetz entschädigungspflichtig und musste alle Schäden ersetzen. Das war aber gar nicht so einfach, denn die Maxhütte war in Sulzbach-Rosenberg ein „Staat im Staat“ und das spürte natürlich besonders der kleine Mann mit einem beschädigten Häuschen.


Hier ist nicht das Bild schief, sondern das Haus. Es stand in der Edelsfelder Straße,  wo jetzt das Vogelheim steht und gehörte dem Steiger Hillen. An den Ecken ist   die Bergschadenssicherung erkennbar.
(Archiv Heinl)


So um 1962 ging es dann richtig los. Wer einen Bergschaden hatte, also wessen Haus wegen Bergsenkungen Risse bekommen hatte, musste einen Antrag bei der Maxhütte stellen. Dann kam jemand von der „Markscheiderei“, das waren die Vermessungsingenieure im Bergbau, und jemand von der Bauabteilung. Meistens nahm auch gleich eine Baufirma an der Besichtigung teil. Dann wurde vor Ort verhandelt, ob ein Bergschaden vorlag und wie er beseitigt werden sollte. Stellte sich die Maxhütte auf den Standpunkt, es liege kein Bergschaden vor, dann wurde es schwierig. Es gab ja keine Schiedsstelle o. ä.. Der nächste Schritt wäre eine Klage gegen die Maxhütte gewesen. Darauf konnte und wollte sich natürlich niemand einlassen. Dazu wäre ein Gutachter notwendig gewesen, der dem Gericht als Sachverständiger gedient hätte, und der musste vom Geschädigten vorfinanziert werden. Die Betroffenen waren in einer durchaus schlechten Position. Also versuchte man, die Verantwortlichen in der Bauabteilung doch noch zu überzeugen und zu einer einvernehmlichen Lösung zu bewegen. Meistens gab es die dann auch, wenn vielleicht auch nicht im gewünschten Umfang.
Als allerdings im Verlauf der Jahre 1968/70  alle Eigentümer, entlang der Edelsfelder Straße Bergschäden meldeten, gab es keine Diskussionen mehr, ob ein Bergschaden vorlag. Die Situation nahm auch für die Maxhütte unerwartete Ausmaße an. So wurde es, zu mindestens, vom Chef-Markscheider, Dr. Eckmann meinen Eltern erzählt.
Die Probleme begannen ganz unauffällig. Zuerst klemmte eine Türe oder ein Fenster. Weil dies auch am feuchten Wetter liegen konnte, wurde zunächst eine Beilagscheibe an den Türangeln eingelegt, oder die Türe etwas abgehobelt. Dazu muss man sagen, dass die Türen in den Siedlungshäusern etwas robuster waren. Dann zeigte sich plötzlich ein feiner Riss an einer Wand, der mit den Wochen immer größer wurde. Die Risse gingen nach außen durch und an unserem Haus konnte man sehen, wie sich die Mauersteine abzeichneten.


Nach dem Abschlagen des Putzes zeigte sich das ganze Schadensbild. (Archiv Heinl)

Die Maxhüttenleute kamen, taktierten, wollten noch etwas abwarten.  Wahrscheinlich war ihnen mittlerweile klar geworden, dass da etwas Größeres auf sie zukam. Die Risse wurden breiter und zogen sich vom Giebel bis in den Keller durch. Mein Vater stopfte Glaswolle in die Ritzen, weil es im Herbst inzwischen dort hereinzog. Die Markscheider wollten abwarten, wie sich der Schaden entwickelte, denn inzwischen hatte jedes Haus in der Edelsfelder- und Glückaufstraße Risse. Kein Haus war auf einer Betonplatte gegründet und wenn sich der Boden bewegte, nahmen die Mauern Schaden.
Endlich im Frühjahr 1971 kam für unser Haus eine klare Zusage aus der Maxhütte . Die Schäden sollten repariert und unser Haus „zusammengehängt“ werden, um Schlimmeres zu vermeiden. Es hatte sich inzwischen um ca. 17 cm nach Osten gesenkt. Wenn ein halbwegs runder Gegenstand auf den Boden fiel, rollte er weg. Die schiefe Ebene war kaum mit bloßem Auge erkennbar. Weil alles schief stand, fiel es nicht stark auf.

Horizontale Risse

Vertikale Risse

Die einzig mögliche Lösung war, alle Böden zu öffnen, den Schlackensand herauszunehmen und die Balken aufzudoppeln. Jedermann kann sich vorstellen, was das bedeutete. Jedes Zimmer, der Keller und der Dachboden waren betroffen. Der Einbau von Betonböden war nicht möglich, sie hätten wieder Risse bekommen. Holzbalkendecken machten geringe Bewegungen im Mauerwerk mit. Neues Material, wie Bretter, Fenster u. Türen etc. mussten die Hausbesitzer zum Teil selbst bezahlen .
Die schlimmsten Arbeiten aber waren, wie das Haus über alle vier Ecken verspannt und zusammengehängt wurde. Dazu wurden in die Außenmauern Schlitze geschlagen und in Höhe jeder Geschossdecke ca. 2,5 bis 3 cm dicke Rundeisen eingelegt. Das gleiche passierte bei den Innenmauern. An allen vier Ecken wurden, über die gesamte Gebäudehöhe, Winkeleisen befestigt. Durch diese Winkel wurden dann die Rundeisen gesteckt und außen mit großen Muttern verschraubt.





So sehen Eisenträger und Verschraubungen heute aus, wenn das Haus nicht inzwischen verputzt wurde.
(Archiv Heinl)

Das passierte, wie gesagt, bei allen Häusern in der Edelsfelder Straße, vom Bartl bis zu den beiden Steiger-Häusern beim heutigen Vogelheim und der ganzen Glückaufstraße. Nun sind die Häuser zwar fast erdbebensicher und gut geerdet, aber bei Umbauarbeiten sind die Eisen stets hinderlich.
Wer am Feuerhof sein Haus umbauen wollte, musste fortan eine Bergschaden-Verzichtserklärung unterschreiben und bei Anbauten eine stabile Betonplatte einbauen. Eine Entschädigung für den enteignungsgleichen Eingriff oder den dauerhaften Wertverlust gab es nicht. Einen Teil mussten die Eigentümer, wie beschrieben, sogar selbst bezahlen. Die eigenen Leistungen insbesondere für die Beseitigung von Staub und Schmutz blieben beim Eigentümer hängen.
Bis etwa 1982 waren die Senkungen angeklungen. Es bildeten sich keine neuen Risse mehr. In den folgenden Jahren erhielt der Judenfriedhof wieder eine gemauerte Umzäunung. Eine Teilstrecke der Bundesstraße 14 wurde neu gebaut und der Landkreis baute die Edelsfelder Straße mit Geh-und Radweg von der B 14 bis Forsthof neu.
Wer heute mit offenen Augen durch die alte Siedlung geht, wird an einigen Häusern noch die damals eingebauten Eckeisen und die Muttern der Spanneisen erkennen – die Spuren des Bergbaus.






Schichtenabfolge siehe: http://www.angewandte-geologie.geol.uni-erlangen.de/sulz_12.jpg
Bergschaden ist in § 206 des Berggesetzes geregelt.

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