Am "Klammerl hängt's Leb'm". - Feuerhof

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Am "Klammerl hängt's Leb'm".

Was allen erfahrenen Bergleuten klar war, hatte der Pfeiferlsteiger in einen Spruch gekleidet. Die Eisenklammern, mit denen die hölzernen Ständer und Firste zusammengehalten wurden, hatten für das Standvermögen des Ausbaus stellenweise eine äußerst wichtige Funktion. Weshalb der Kapo jedem ihm zur Einarbeitung anvertrauten Neuling mit den Worten: „ Am Klammerl hängt's Leb'm. Mirk dâs!" darauf aufmerksam machte.

Eines Tages, so um 1948, war eine Gruppe auf der 104 m Sohle der Grube Caroline beim Rückbau. Das ist so zu verstehen: Vom Schacht aus wurden die Hauptförderstrecke (hier fuhr die Grubenbahn) und von da aus die einzelnen Abbaustrecken aufgefahren (gegraben) und zwar immer - soweit möglich- innerhalb des Erzkörpers. D. h., das Erz über und neben den Strecken blieb zunächst stehen und wurde nicht abgebaut. Die Strecken wurden durch den Ausbau mit Holz gegen den Druck des darüber liegenden Gesteins gesichert. Je nach dem Druck des Gebirges wurde der Ausbau enger oder weiter gemacht. Die Ständer und Firste standen bei hohem Gebirgsdruck dichter nebeneinander, als sonst üblich. Wenn das Ende des Erzkörpers erreicht war, wurde zurückgebaut. Jetzt wurde auch das über und neben der Strecke vorhandene Erz herausgeholt.

Dazu war eine Sicherung gegen den Gebirgsdruck nicht mehr erforderlich. Das Erz sollte vielmehr möglichst von selbst hereinbrechen. Der Bergmann blieb im Schutz des nach rückwärts vorhandenen Ausbaus und nahm die vor ihm liegende Zimmerung nur soweit heraus, als es zum Abbau des Erzes unbedingt erforderlich war. Das Entfernen der Zimmern (so hieß der  trapezförmige Ausbau mit dicken Rundhölzern) nannte man „Rauben“. Diese Arbeit war wegen der nur schwer einzuschätzenden Wirkung des Gebirgsdrucks sehr gefährlich und unfallträchtig. Es konnte sein, dass der Druck so hoch und so ungünstig verteilt war, dass das Gestein nicht nur im Bereich der gerade geraubten Zimmerung, sondern auf mehrere Meter zusammenbrach.
Das lässt sich leicht erklären: Das Gebirge hatte im Ruhezustand eine gleichmäßige Lastverteilung, die auf dem Ausbau ruhte. Wurde dieser Stück für Stück entfernt, verlagerte sich die Belastung auf einige wenige Stellen. Dort genügte dann eine geringfügige Veränderung, um alles zum Einsturz zu bringen – und das war bei mangelnder Vorsicht lebensgefährlich. Deswegen wurden dazu fast ausschließlich erfahrene Mannschaften eingesetzt.

Erfahrene Bergleute erkannten schon am Zustand der Zimmerung oder an bestimmten Geräuschen im Holz oder im Gebirge, was los war. Beim Holz sagte man „es plaudert“`, wenn es ächzte und knarrte. Wenn diese Hinweise aber ausblieben oder falsch gedeutet wurden, konnte es verhängnisvoll werden.


Der Pfeiferlsteiger hatte auf seiner Gruppe einen Neuen, den „Kulnroussl“, anzulernen und ihm erzählte er sein Verslein von der Klammer. Der Neuling glaubte sich nach ein paar Schichten unter Tage schon erfahren genug und schenkte den Belehrungen seines Hauers wenig Gehör. Der Rückbau lief seit über einer Woche völlig reibungslos. Das Erz brach sauber herein, es musste oft nicht einmal gesprengt werden. Seit den letzten zwei Schichten hatte der "Pirnerl", wie der Hauer auch genannt wurde, das Gefühl, dass sich der Berg verändert habe. Er ließ öfter die Arbeit einstellen und horchte, klopfte und sah sich die Stempel an, ohne etwas Besonderes bemerken zu können. Trotzdem blieb er vorsichtig.

Als es in einem großen Terrain darum ging, die Eckzimmerung zu einem Querschlag zu rauben, wollte der "Kulnroussl" die Klammern mit der Spitzhacke herausziehen. Der Pirnerl verbot ihm dies ausdrücklich und wies ihn an, die Klammer mit einer langen Stange herauszuziehen. Dadurch war sichergestellt, dass die Mannschaft sich noch im stabilen Ausbau befand und durch hereinstürzendes Gestein nicht verletzt werden konnte. Dem Roussl passte das nicht, denn mit einer Stange war die Arbeit zeitraubend und anstrengend. Worauf der Pirnerl prompt seinen Spruch hersagte, während sich der Kulnroussl und der dritte Mann vielsagend ansahen. Der Kulnroussl murmelte etwas von umständlich und… nicht gar so vorsichtig sein.
Trotzdem, die Stange wurde geholt. Der Mann lockerte die Klammer und schon knallte die Strecke auf einen Schlag nieder. Die drei Männer wurden durch den Luftdruck ein Stück nach hinten, neben die Wagen geschleudert. Auf der Strecke und in einem benachbarten Bau waren alle Lampen ausgeblasen – dann war Stille – und totale Finsternis.

"Aizt hot ses daschlong", waren die ersten Worte der nebenan arbeitenden Männer. Sie versuchten sofort, ihr Geleucht wieder anzuzünden und stürmten, gefolgt von Leuten aus weiter entfernten Orten, zur Unglücksstelle. Den Dreien an der Einbruchstelle, gelang es nicht, ihre Lampe anzuzünden, weil sie vor lauter Schreck am ganzen Leib zitterten. Nach der Frage der Helfer, ob noch einer drin sei, krochen sie zwischen den Wagen und der Wand hervor und rieben sich den Schmutz aus dem Gesicht. Beim Ableuchten mit den Grubenlampen ließen sich keine Verletzungen feststellen. Außer, dass ihnen alle Knochen wehtaten, konnten die drei keine Beschwerden angeben. Sie hatten unglaubliches Glück gehabt. Dort wo sie gestanden waren, lag nur noch braunes Gestein, aus dem helles zerspreiseltes Holz hervorstach. Die Strecke hatte „zugemacht“ und wenn sie der ungeheure Luftdruck nicht ein Stück zurückgeworfen hätte, wären sie unter den Gesteinsmassen begraben worden. Es dauerte Tage, bis die eingebrochene Strecke wieder geöffnet und mit starken Hölzern soweit ausgebaut war, dass das Erz herausgeholt werden konnte. Dass die Geschichte mit der „Klammerl-Weisheit“ des Pirnerl in der ganzen Grube die Runde machte und natürlich auch stolz von ihm selbst verbreitet wurde, bedarf keiner besonderen Erwähnung.

Aber es beweist sich wieder das geflügelte Wort des langjährigen Bergwerksdirektors Franz Beckenbauer: „Hinter der Hacke ists duster“. Niemand weiß im Bergbau, was der nächste Augenblick bringt. Wer nicht vorsichtig ist, den bestraft der Berg.



Klammern gab es in jeder Größe und Länge

© Helmut Heinl 12/2020



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